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bitte geben Sie den Autor an, sonst ist es geistiger Diebstahl.

Samstag, 13. Mai 2017

Der Watzmann

Die ersten gemeinsamen Urlaubstage lagen hinter uns. Das Wetter war mittelprächtig, teilweise bewölkt, aber es sollte die kommenden Tage besser werden.

Mein alter Herr, na ja, so alt war er damals noch nicht, wurde von Tag zu Tag lästiger. Er konnte von nichts mehr anderem reden, als unserer Watzmanntour.

»Papa, bei dem Wetter macht es keinen Sinn hochzugehen! Wir warten lieber noch ein paar Tage!«

Er benahm sich wie ein ungezogenes Kind, das unbedingt seinen Kopf durchsetzen will. Jeden morgen rannte er als Erstes zum Barometer. Dann hörte er im Radio die Wetterprognosen.

Internet und Wetter-Apps gab es damals noch nicht.
Dann, endlich erreichte ein stabiles Hochdruckgebiet die Ostalpen. Mein Vater war glücklich.
Es konnte losgehen!

Am ersten Tag kam der mühsame, aber leicht zu bewerkstelligende Aufstieg zum Watzmannhaus auf 1915 Meter. Es ging flott voran und das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite.

Watzmannhaus



 Oben angekommen bezogen wir erst mal unser Quartier, dann stärkten wir uns in der Wirtsstube.

Am nächsten Morgen wollten wir schon bei Sonnenaufgang aufbrechen. Die vor uns liegende Tour mit der Überquerung der drei Gipfel des Watzmanns (Hocheck, Haupt- und Südspitze) war lang und schwierig. Dann kam noch ein mühsamer Abstieg. Deshalb war auch kein Hüttenzauber angesagt.
Es kam alles ganz anders.



links unten nicht mehr im Bild das Watzmannhaus. Route über Hocheck, Haupt- und Südgipfel




 
Am nächsten Morgen, wie geplant bei Sonnenaufgang, ging es hinauf auf 2651 Meter zum Hocheck. Dort fing der schwierige Teil an. Der Grat hinüber auf die Mittelspitze war mit Drahtseilen gesichert. Es fegte ein eisiger Wind.

Beim ersten Griff fror meine linke Hand am Stahlseil fest. Ich riss sie sofort weg, da flogen auch schon die Hautfetzen. Ich kramte ein Verbandpäckchen aus meinem Rucksack und umwickelte meine Hand, die anfing zu bluten. Mein Vater, zwei drei Meter hinter mir, nahm das kurz zur Kenntnis.

»Weiter!«, drängelte er.
»Warte halt, ich muss erst meine Handschuhe herausholen!«

Mit dem linken Arm umschlang ich das Drahtseil und hing mich mit der Achsel hinein, damit ich die rechte Hand frei bekam, um meine Handschuhe aus der Jackentasche zu ziehen. So nebenbei musste ich auf dem schmalen Felsgrat Balance halten. Nun fummelte ich einen Handschuh über den Verband meiner linken Hand. Dabei kam mir der Zweite aus und wehte davon.

Mit blanken Händen war es unmöglich, am Seil weiterzugehen. Das sagte ich meinem Vater.

»Hast Du kein zweites Paar dabei?«, kam es vorwurfsvoll.
Natürlich hatte ich kein zweites Paar Handschuhe dabei.
Der Alte war stinksauer.
»Dann warten wir, bis er wärmer wird!«
»Das macht keinen Sinn, das kann Stunden dauern! Schau dir die Wolken an, die aufziehen!«

Über den Grat stieg von Osten her eine Nebelwand auf.

»Und außerdem schmerzt meine Hand. Damit kann ich keine drei Stunden bis zur Südspitze klettern. Das meiste geht am Seil, das weißt Du!«

Angefressen drehte er um.
Ich hangelte mich mit meiner verletzten aber geschützten Hand zurück, bis ich ohne Seil einen festen Stand hatte.

»Warum hast Du mir nicht Dein zweites Paar Handschuhe gegeben?«, fragte ich ihn.
Nun musste er eingestehen, dass auch er kein zweites Paar dabei hatte.

Über den Hochecksteig ging es zurück zum Watzmannhaus. Der Nebel wurde dichter.
Dort angekommen verarztete ich zusammen mit dem Hüttenwirt meine Hand. Zwei kräftige Hautfetzen ließ ich am Stahlseil droben auf dem Watzmann.

Wenig später kam eine Dreiergruppe Bergsteiger von oben und sagte uns, dass es bei diesem Wettersturz schier unmöglich sei, den Grat bis zur Mittelspitze zu gehen, sie seien auch umgekehrt.






 


Nach dieser Rast traten wir noch am gleichen Tag den Rückweg ins Tal an. Unten schien die Sonne, die Gipfel des Watzmanns waren in Wolken gehüllt.


Den restlichen Urlaub verbrachte ich die meiste Zeit alleine am Berg bei leichteren Touren. Nur abends saßen wir bei Steffi und Marei zusammen in der Stube und sammelten unsere Kronkorken.

Über die nicht gelungene Watzmannüberquerung verloren wir kein Wort.
Es war meine letzte gemeinsame Klettertour mit meinem Vater.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Urlaub mit der Familie


Mein Vater schaffte sich einen Manta an. Richtig gelesen, einen dunkelgrünen Opel Manta. Als selbstständiger Handwerker, genauer Bezirksschornsteinfegermeister, kaufte er sich alle zwei Jahre einen neuen Opel.
Irgend ein Depp musste ihm den Manta aufgeschwatzt haben.

Aber, das wollte ich gar nicht erzählen.
Viele selbstständige Handwerker kauften sich damals alle zwei Jahre ein Auto, musste ja nicht unbedingt ein Opel sein. Das war überhaupt nichts Besonderes.

Aber, dass ein Student mit seinen Eltern und seinen Großeltern väterlicherseits gemeinsam in Urlaub fuhr, das war was Besonderes!

Unfreiwillig war das nicht.
Es war knallharte Kalkulation. Zwei Wochen keinen Pfennig selber zahlen, war zu verlockend.

Als wir irgendwann im Spätsommer mit zwei Autos von zu Hause losfuhren, bestand mein Großvater väterlicherseits darauf, mit mir im R4 mitzufahren. Papa steuerte seinen Manta mitsamt meiner Mutter und meiner Großmutter, natürlich auch väterlicherseits, gen Süden.

Opas Begründung: Einer müsste mich ja während der langen Fahrt unterhalten, damit ich nicht hinter dem Steuer einnickte.
Doch, »einnickte« sagte er wortwörtlich, dass weiß ich hundertprozentig. So was prägt sich ein.

In Anbetracht eines komplett kostenfreien Urlaubs schluckte ich die Kröte und hoffte inständig, dass es nicht allzu schlimm kommen würde.
Es kam schlimmer!

Pausenlos wurde ich mit irgendwelchen Onkeln und Großneffen, Tanten und Schwippschwagern traktiert. Die gesamte Ahnengalerie der Verwandtschaft wurde in meinem R4 episch ausgebreitet.
Zaghafte Versuche meinerseits, Opas Redeschwall einzudämmen, scheiterten kläglich.

Ich konnte nie leiden, wenn mich irgend eine Labertasche während der Fahrt vollquatschte.

Die geniale Idee das Autoradio anzumachen war suboptimal, ich hatte gar kein Radio im R4.

Die lange Fahrt in den Süden via Würzburg und Nürnberg rüttelte gewaltig an meinem Nervenkostüm. Auf der Salzburger Strecke dünnte Opa’s Redeschwall merklich aus. Er fing auf dem Beifahrersitz zum Pennen an. Ich atmete auf und dankte meinem Schöpfer für die Ruhe, auch wenn ich sonst schlafende Beifahrer nicht ausstehen konnte.
Wir bezogen Quartier auf einem Bauernhof in Vorderbrand, Gemeinde Schönau am Königsee.

Ich stellte meinen inzwischen wieder vollbetankten R4, Opa zahlte, hinter den Holzschuppen und schwor mir, während der kommenden 2 Wochen keine einzige Runde damit zu drehen.
Ich kann es vorwegnehmen, ich hielt meinen Schwur!

Marei, die Bäuerin schloss mich sogleich in ihr Herz, dass unter einem wogenden Busen nur Güte und Gemütlichkeit verströmte. Steffi, der Bauer war ein liebenswerter Hallodri, dem der Schalk bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus der Seele sprang. Wir verstanden uns blendend.

Dabei arbeitenden die beiden hart auf ihrem Hof. Die wenigen Fremdenzimmer waren ein gern gesehenes Zubrot.
Zum Ende der Saison waren wir die einzigen Gäste.

Zur Begrüßung kam Kaffee und Kuchen auf den Tisch. Mareis Gugelhupf war ein Gedicht. Gleich danach gab’s einen selbstgebrannten Obstler. Dann gingen beide in den Stall und wir konnten uns von den Strapazen der Fahrt erholen.

Mein Vater, inzwischen mit dem Bergsteigervirus infiziert, schielte immer wieder hinüber zum Watzmann, der sich in der Spätnachmittagsonne in sanften Ockerfarben präsentierte.
Rechts der Watzmann mit seinen drei Gipfeln, links der kleine Watzmann, dazwischen die fünf Watzmannkinder von Norden gesehen

»Wann mach' mer ihn?«, fragte er mich.
»Die Tage!«, antwortete ich knapp.

Sonderliche Lust dazu hatte ich momentan keine. Für meinen Vater war es natürlich unvorstellbar 2 Wochen mit Direktblick zum Watzmann Urlaub zu machen und ihn nicht zu besteigen. Das war mir von vorneherein klar.

Am ersten Abend saßen wir in gemütlicher Runde in der guten Stube, verputzten eine ordentliche Brotzeit mit Speck, Leberwurst und Käse, alles echt hausgemacht. Papa redete die meiste Zeit über unsere Watzmann-Tour, konnte aber bei Steffi damit keinen Eindruck schinden.

S' Marei erzählte über Ihren Hof, während der Bauer mit mir zusammen eine Flasche Bier nach der anderen verlötete. Die holten wir gleich um die Ecke aus der Abstellkammer.

Zur genauen Abrechnung, so schlug Steffi vor, sollte ein jeder die Kronkorken seiner Bierflaschen in die Hosentasche stecken, dann würden wir alle die Übersicht behalten.
Eine geniale Idee, so einfach und doch so effizient!

Als ich kurz vor Mitternacht nach oben in mein Zimmer ging, zählte ich 7 Kronkorken, wobei ich eine dem Steffi spendierte, ich musste ja nicht zahlen.

Ich schrieb oben bewusst »ging«. Obwohl ich den einen oder anderen selbstgebrannten Obstler verkonsumierte, war ich durchaus noch Herr meiner Sinne und Herr meiner Füße, die ja bekanntlich in Bayern bis ganz nach oben gehen.

Samstag, 6. Mai 2017

Barbecue





Zum besseren Verständnis muss ich ein wenig ausholen.

In München gab es seinerzeit in der Sonnenstraße ein Künstlercafé. Dort saßen in den Nachmittagsstunden neben den wahren Künstlern auch ein paar Möchtegernmaler und Möchtegerndichter herum.

Bei dieser Spezies Mensch, allesamt männlichen Geschlechts, stand die Zeichenmappe allzu auffällig am Stuhlbein und Stift und Block lagen demonstrativ dahingebreitet vor dem Schreiberling. Auch wurde so manche Baskenmütze gesichtet, da diese Kopfbedeckung dem Kunstschaffenden eigen sein soll.

Es dauerte nicht lange, da fuhr die eine oder andere Luxuskarosse vor. Den Boliden entstieg so manche Kunst- bzw. Literaturliebhaberin. Diese zeichneten sich dadurch aus, dass sie weniger an den Kunstwerken als mehr an den Kunstschaffenden interessiert waren.
Die Ladies waren mal mehr mal weniger jung, an ganz junge kann ich mich nicht erinnern.

Die winters in Pelz, sommers in Haut Couture Gewandeten, schlenderten eher belanglos durch die Tischchen um sich rein zufällig irgendwo niederzulassen. Dieser Zufall wollte immer, dass irgend ein gut aussehender Adonis ob mit oder ohne Baskenmütze, schon am Tisch saß.

Der Small Talk konnte beginnen.

Für den geübten Beobachter war die Sache recht bald durchschaut. Die suchten einen Gelegenheitscallboy, damals in München auch mit dem Titel »Tschamsterer« bedacht. Manchmal wird dieses Wort auch mit einem »D« am Anfang anstatt einem »T« verwendet.

Wolfgang war wohl auch ein paarmal vor Ort. Ob er als Maler oder Dichter auftrat, verriet er mir nicht. Eine Baskenmütze scheint er auch nicht getragen zu haben, er war kein Mützentyp. Aber er sah gut aus.

Schon vor Wochen begann das Techtelmechtel mit einer gelangweilten Gattin eines stinkreichen Teppichbarons.
Der Alte war so mit dem Geldverdienen beschäftigt, dass er sich nicht mehr um seine Gemahlin kümmern konnte.

Diese wiederum brachte das verdiente Geld unter die Leute und suchte sich einen anderen und jüngeren Kümmerer.

Nach ein paar Wochen des gegenseitigen Kümmerns wollte ihre nicht minderreiche Freundin mit ähnlichem Portfolio einen eigenen Kümmerer, da auch ihr Mann sich mehr dem Mammon zuwendete.

Exakt zu diesem Zeitpunkt dachte Wolfgang an mich!

Die Villa am Starnberger See war wie geschaffen dafür. Dort konnte sich hin und her und sogar kreuzweise gekümmert werden.

Die ersten Annäherungsversuche wurden bei einem intimen Barbecue ausgelotet. So erzählte es der bereits erfahrene Kümmerer Wolfgang.

Nach dem Barbecue wartete ein beheizter Pool von enormer Größe auf die angetörnten Damen und die allzeit bereiten Tschamsterer.
Dazu musste man sich allerdings noch mal nach oben begeben um in die Badesachen zu schlüpfen. Man wollte ja nicht gleich nackert in die Fluten springen.

Dann kam es doch ganz anders.

Das Barbecue brachten wir sittsam und mit der nötigen Etikette hinter uns, als das Telefon klingelte.

Die Teppichhändlersgattin wurde blass und blasser.
Ein leises »O mein Gott!«, hörten wir ein paar mal.

Um nicht Augen und Ohrenzeuge einer schlimmen Nachricht zu werden, gingen Wolfgang und ich auf die Terrasse. Man weiß schließlich, was sich gehört.

Sehr aufgeregt und hektisch suchte die am Telefon Blassgewordene ihre Utensilien zusammen, während wir von der deutlich weniger aufgeregten Freundin erfuhren, dass der olle Teppichtandler mit einem Herzinfarkt in der Uniklinik lag.

Wenig später brauste der Jaguar E aus dem Grundstück.

Ich sah das Ganze als Fügung des Schicksals und hätte sogar, wenn ich katholisch erzogen worden wäre, einen Rosenkranz gebetet.

Da dem aber nicht so war, beschränkte ich mich auf ein allgemeingültiges »Halleluja« und einem »Auf geht’s Wolfgang, wir hauen auch ab!«

Die Freundin der Teppichhändlersgattin hauchte uns ein »schade« nach, alldieweil sie ja in der tollen Villa am Starnberger See nächtigte.

Auf dem Rückweg nach München, der R4 schnurrte fast wie ein Jaguar, fragte ich Wolfgang, wer mir den zugedacht gewesen sei.

Er meinte daraufhin, das hätte sich irgendwann am Abend schon irgendwie ergeben.

Wochen später erfuhr ich, dass der Teppichhändler wieder wohlauf sei.

Da mir das »irgendwann« und »irgendwie« nicht sonderlich behagte, sah ich die Villa nie mehr von innen.


Der berühmte Satz: Ich war jung und brauchte das Geld!«, konnte als Entschuldigung auch nicht herhalten, ich lebte in leidlich ordentlichen Verhältnissen und von Geld war nie die Rede.

Mittwoch, 3. Mai 2017

Die Villa am Starnberger See

Meine Studentenbude in der Ganghoferstrasse übernahm ich von Wolfgang, der in eine Kommune zog.
Ihn kannte ich von früher, er wusste, dass ich eine ordentliche Bleibe suchte. So konnte der Deal perfekt gemacht werden.

Vorher logierte ich mit einem Kommilitonen zusammen im Doppelzimmer einer Etagenpension.
Studentenunterkünfte waren seinerzeit Mangelware.

Das durfte kein Dauerzustand werden.
Immer wenn mein Mitbewohner zum Wochenende seine Freundin zu Besuch hatte, musste ich mir eine Notunterkunft besorgen oder ich wich in die Berge aus.

In der belebten Dachauer Straße konnte man nirgends am Fahrbahnrand parken. Nicht mal anhalten durfte man.
Einmal passierte es, dass ich meinen R4 halb auf den Bürgersteig fuhr, um nur kurz was Schweres auszuladen. Als ich wieder zurück zu meinem Auto kam, war schon ein Strafzettel hinter den Scheibenwischer geklemmt.

10 DM haben und nicht haben waren für einen Studenten keine Kleinigkeit. Also schnappte ich mir den Strafzettel, sprintete der Politesse nach und warf mich vor ihr in den Staub.
Na ja, ganz so dramatisch war es nicht, aber ich kniete vor ihr nieder und bat sie, einem armen Studenten das Knöllchen zu erlassen.
Die hübe junge Frau in schmucker Uniform war total überrascht um nicht zu sagen überwältigt, einen gut aussehenden jungen Mann vor ihr auf den Knien zu sehen.  Sie erbarmte sich meiner und zerriss das Knöllchen.

Ich war froh, dank Wolfgang, eine endgültige Bleibe gefunden zu haben.
Das möblierte Zimmerchen bei einer jungen Familie wurde bis zum Staatsexamen mein Zuhause.
Einen ordentlichen Schreibtisch bastelte ich mir aus mehreren leeren Biertragerl und einem vorhandenen Couchtisch zusammen. Bad und Küche konnte ich mitbenutzen, Herz was willst Du mehr?

Eines Tages stand Wolfgang in der Tür.
Ob ich Lust hätte und mir vorstellen könnte ein Wochenende in einer tollen Villa am Starnberger See zu verbringen.
Ich konnte mir das sehr gut vorstellen, aber ich fragte mich, wo der Haken dabei sei?

Ich sollte einfach mal mitfahren, dann würde ich schon sehen.
So reservierte ich das kommende Wochenende für den Starnberger See.

Am Freitagnachmittag fuhr ich mit meinem R4 mitsamt kleinem Gepäck inclusive Badesachen und Wolfgang auf dem Beifahrersitz gen Süden.
Sicher lotste er mich vor das Eingangstor eines Seegrundstückes mit prachtvoller Villa.
Wolfgang stieg aus, klingelte und sagte: »Wir sind da!«
Sonst nichts!

Wenig später rollte das Tor zur Seite.
Der R4 verschwand in einer weiträumigen Garage, in der schon ein roter Jaguar E stand.
Als ich meinen mickrigen R4 neben dem Boliden sah, musste ich unwillkürlich lachen!




Die Dame des Hauses, eine durchaus attraktive Mittvierzigerin und Ihre Freundin nicht minder attraktiv begrüßen uns wie zwei uralte Freunde.

Wir sollten erst mal unsere Zimmer beziehen und uns frisch machen, dann wäre ein intimes Barbecue angerichtet.

So langsam konnte ich mir die ganze Sache zusammenreimen.
Wir bekamen jeder ein Zimmer.
Dann rückte Wolfgang mit dem Haken heraus.

»Wir verbringen einen tollen Abend, machen das eine oder andere »Hupferle«, und morgen ist alles so, als ob nichts gewesen wäre. Am Sonntag können wir schon, wenn Du willst, um die Mittagszeit zurück nach München fahren!«

Obwohl ich nicht katholisch erzogen worden bin, wurde es mir recht mulmig.

Den Fortgang der Geschichte will ich ein andermal erzählen, auch wenn Sie jetzt noch so neugierig sind.

Samstag, 1. April 2017

Wenn alle Sicherungen durchbrennen

Wieder einmal hatte ich Sitzwache auf der Säuglingsstation.
Ich lernte eine ganze Menge bei diesen Sitzwachen und konnte mich zwischendurch auf diverse Prüfungen vorbereiten.
Und, so nebenbei verdiente ich mir etwas Geld.

Zu dritt, allesamt Doktoranden der Kinderklinik, bemühten wir uns um die anfallenden Sitzwachen. Da wir fast täglich in der Klinik zu tun hatten, waren wir leicht erreichbar. Die Nachtschwestern und die Kinderärzte kannten uns, wir mussten nicht immer neu eingewiesen werden.
Mit anderen Worten, wir waren für diese Aufgaben gern gesehene Mitarbeiter.

Vor mir im Kinderbettchen lag das kleine Bündel Mensch, angeschlossen an diverse Schläuche. Immer wieder musste das Büblein über ein Tracheostoma, das ist ein Luftröhrenschnitt, gespült und abgesaugt werden, damit seine kleine Lunge nicht voller Schleim lief.

Oft schüttelten Hustenattacken den kleinen Racker, danach schlief er wieder für wenige Minuten. Wenn er aufwachte und die Lunge einigermaßen frei war, konnte er ganz ruhig atmen. Dann passierte es sogar, dass ein Lächeln über das blasse Gesichtchen huschte.

Uns wurde von erfahrenen Kinderschwestern immer und immer wieder eingebläut, keine persönliche Beziehung zu den kleinen Patienten aufzubauen. Besonders bei schwer erkrankten Kindern könne das unsere Psyche stark belasten.

 Wir hörten von jungen Krankenschwestern, die sich die Schicksale ihrer kleinen Patienten so zu Herzen nahmen, dass sie nicht weiter im Beruf arbeiten konnten. Sie zerbrachen an ihrem Mitgefühl.

Wer nicht mehr rational in so einer Situation arbeiten kann, der kann für einen Patienten zur Gefahr werden. Wer seinen Emotionen freien Lauf lässt, ist an einem Krankenbett fehl am Platz!

Das sind sehr harte Worte, aber aus meiner heutigen Erfahrung absolut zutreffend. Ganz besonders gilt dies bei Kindern.

Ich war schon die dritte Nacht an Manuels Bettchen. Von Tag zu Tag ging es dem Kind schlechter. All die Möglichkeiten einer hochmodernen Kinderklinik konnten seinen Zustand nicht stabilisieren.
Die Nachtschwester warnte mich bei Dienstantritt schon vor.


Gerade hatte ich die Lunge über das Tracheostoma abgesaugt und dem Büblein eine neue Windel verpasst, als ein Zittern durch das winzige Bündel Mensch ging. Mit Ärmchen und Beinchen fuchtelte und strampelte es ins Leere, durchgeschüttelt von Hustenstößen.
Die Bewegungen wurden langsamer, das Atmen flacher, ein letztes Mal schlug mein kleiner Patient die Augen auf, dann zeigte das EKG eine Nulllinie.

Der diensthabende Oberarzt stand neben mir.
Jedes gesprochene Wort war jetzt fehl am Platz.

Betretenes Schweigen. Die Nachtschwester schob das Kinderbettchen mit dem leblosen Körper aus dem Zimmer.


Der Oberarzt nahm sich Manuels Krankenakte und malte ein Kreuz mit seinem Kugelschreiber auf den Überwachungsbogen, dahinter schrieb er den Todeszeitpunkt.

Über dem Eintrag sah ich das Geburtsdatum.
Manuel war am gleichen Tag wie mein Sohn geboren.
Knapp sieben Monate waren beide alt.

Nun brannten bei mir alle Sicherungen durch!
Überstürzt lief ich raus in den Klinikhof.
Ich musste sofort nach Hause zu meinem Sohn!
Sofort!

Über fünf Stunden später und 450 Kilometer durch die Novembernacht hielt ich endlich, unendlich glücklich meinen Sohn in den Armen.


Ein Walzer am Morgen

Aus dem Kofferradio ertönte der Donauwalzer. Ich schnappte mir Schwester Ortrudis, dann schwebten wir im Walzertakt über den blitzeblank gewienerten Fußboden der Kinderambulanz.

Was war da los, fragten sich unsere ersten kleinen Patienten mitsamt ihren Müttern, Omas oder Papas?

Es war Halbacht und ich kam wie so oft um diese Zeit in die Kindersprechstunde, um mitzuhelfen.

Ich war während meiner Münchner Zeit viel in der Haunerschen Kinderklinik der Universität unterwegs, da ich dort meine Doktorarbeit schrieb.

Schwester Ortrudis sah, wie ich meine Badetasche mitsamt Kofferradio in irgendeiner Ecke deponierte.
Ich wollte nach getaner Arbeit zum Baden.

Alle Ordensschwestern sind neugierig. Ortrudis machte da keine Ausnahme.
Viel später erlebte ich noch viele Ordensfrauen, sie waren allesamt, ohne Ausnahme, neugierig.

Ortrudis schnappte sich das Radio und meinte, sie hätte auch so ein Ähnliches.
Dann drückte sie auf eine Taste und der Walzer ertönte.

Wir tanzten den Flur rauf und runter. Mal linksherum, mal rechtsherum. Ihr helles Lachen war ansteckend.
Als der Rundfunksprecher von Bayern 1 die Wetteraussichten verlas, hing Schwester Ortrudis an meinem Arm und lachte immer noch.

Sie war die gute Seele der Kinderambulanz. Eine wunderbare Ordensfrau, die all ihre kleinen Patienten liebte.
Wir verstanden uns prächtig.
Sie tätschelte meine Wange und meinte, das wäre seit langem mal wieder ein guter Einstieg in unsere Arbeit gewesen.

Dann richtete sie Ihren Schleier zurecht und rief die ersten kleinen Patienten in die verschiedenen Untersuchungszimmer. Viele kannte sie ohne Karteikarte mit Namen.

Mit einem 7 jährigen Mädchen musste ich nochmal Walzer tanzen. Sie stand die ganze Zeit auf dem Flur und klatschte im Takt, als ich mit Ortrudis die Runden drehte.

Dann kam Schwester Ortrudis mit den Röhrchen zur Blutentnahme. Sie setzte das Kind auf Ihren Schoß und desinfizierte die Ellenbeuge.
»Das hat nur ein ganz kleines Bisschen weh getan!«, sagte meine kleine Tanzpartnerin zu mir.
Ich war mächtig stolz auf Ihr Lob.

»Schau mal!«, dabei riss sie sich die Perücke herunter und streichelte über ihr nicht mehr ganz so kahles Köpfchen.
»Die kommen wieder!«, sagte sie stolz.
Dann setzte sie die Perücke wieder auf und meinte: »Die behalte ich trotzdem noch!«

Ich versprach Ihr, in einem Monat bei der nächsten Blutentnahme genau so behutsam zu sein.

Es kam nicht mehr dazu.
Die Leukämie war nicht mehr zu beherrschen.

Mittwoch, 29. März 2017

Kakteen und thüringer Bratwurst

An Pfingsten war Coburg angesagt.
Dort tagte jedes Jahr der Pfingstkongress der akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften an deutschen Hochschulen, auch Coburger Convent (CC) genannt. Es war und ist heute immer noch der Dachverband der gleichnamigen Studentenverbindungen.

Auf der Fahrt drängelte Hoss solange, bis wir einen Abstecher in die Bundeswehrkaserne nach Veitshöchheim machten.

Der aufmerksame Leser meiner Geschichten weiß, dass wir beide dort vor unserem Studium während unserer Bundeswehrzeit einen Sanitätslehrgang absolvierten.

Er wollte unbedingt unseren damaligen Ausbilder, einen Oberstabsfeldwebel besuchen.

Wir gingen in den zweiten Stock der Sanitätsschule.
Direkt neben dem Eingang zum Hörsaal hatte besagter Oberstabsfeldwebel seine Kakteensammlung, die er jahraus jahrein liebevoll versorgte.
Dem Stundenplan, der neben der Eingangstüre hing, entnahmen wir, dass in zehn Minuten Pause war.
Wir warteten.
Um mir die Zeit zu vertreiben, betrachtete ich die vielen Kakteenarten, die auf mehreren Tischen herumstanden.





Dann hörte ich ein Plätschern.

Hoss pinkelte gerade über die Succulenten, wie die Kakteen in der Fachsprache heißen.
 Er zog seinen Reißverschluss hoch und meinte:
»So, das musste jetzt sein. Damals schwor ich mir, einmal über seine Kakteen zu pinkeln!«


Wir warteten nicht mehr auf den Oberstabsfeld und machten uns statt dessen aus dem Staub.

In Coburg bezogen wir eine Massenunterkunft in einer für den Kongress umfunktionierten Berufsschule.
Dann kam der Pfingstsonntagmorgen. Am Abend zuvor feierten wir ausgiebig mit vielen anderen Verbindungsstudenten.
In voller Montur, d.h. im dunklen Anzug, Krawatte und Couleurband verbrachte ich die Nacht auf einer Art Feldpritsche.
Als mir die Sonne ins Gesicht schien, blinzelte ich verschlafen in die Runde und fand mich samt Pritsche auf dem Coburger Marktplatz wieder.
Die hatten mich doch tatsächlich von der Berufsschule mitsamt Feldpritsche auf den Marktplatz geschleppt.
Um mich herum ertönte aus vielen Kehlen ein donnerndes »Guten Morgen!«

Nachdem ich mich erst mal sortiert hatte, verdrückte ich an einer nahegelegenen Wurstbude eine Thüringer Bratwurt und trank ein Bier dazu. Dann war die Welt wieder in Ordnung.
Um die nun leere Bettstatt sollten sich meine Transporteure kümmern, sie hatten schließlich schon Übung darinnen.

Coburg war über die Pfingstfeiertage im Ausnahmezustand. Es war sicher ein Streich unter vielen.